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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Mitau, 25. November 1752
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Mietau. Sonnabends. den 25 Nov. 1752.

Herzlich geliebteste Eltern,

Heute zu Mittag bin ich hier Gott Lob! gesund angelangt; wiewohl ich mich
nicht so aufgeräumt befinde, als ich es bisweilen unter wegens gewesen bin.
Die Schuld kann vielleicht seyn, weil ich meiner Ruhe täglich näher komme,
die ich mir auch bald zu wünschen anfange. Der Fuhrmann wird morgen
nach der Mahlzeit weiter fahren, und ich verspreche mir Dienstags frühe bey
Herrn Belger zu seyn. Weil ich nicht weiß, mit wie vielen Zerstreuungen
meine Ankunft in Riga begleitet seyn wird, so will ich den Herrn Gehrke
bitten gegenwärtigen Brief zu bestellen, in dem ich von meiner zurückgelegten
Reise Rechenschaft geben will.
Ich wurde Sonntags in Liebau mit meinem Gefährten von dem Herrn
Licent Inspector Kolbe in die Kirche und auf zur Mahlzeit gebeten. Wir
waren aus Unwißenheit zu frühe ausgegangen, weil der deutsche
Gottesdienst vor 11 Uhr nicht viel angeht; weil wir daher einen kleinen
Spatzierweg in der Stadt machten, und wir eben des Herrn Licent Inspectors Haus
vorbeykamen, als er jemanden begleitete, der ihn besucht hatte; so musten wir
eintreten. Ich mache mir ein Glück daraus, daß ich diesen Mann habe kennen
lernen, der den schönsten Umgang von der Welt und eine sehr edle Art zu
denken besitzt. Er hat bey meiner gnädigen Frau Baronin Vater 20 Jahre
gedient, und beschrieb sie mir als eine Dame von 200 000 Albertusthrl., von
Verstand und Schönheit. Der Baron von Buttberg hat sie als eine Wittwe
des Herrn von Brevern geheyrathet. Unser Wirth schien mir zu verstehen zu
geben, daß der Frau Baronin eben nicht damit gedient seyn möchte, wenn ich
mir die Erziehung ihres Sohnes gar zu sehr wolte angelegen seyn laßen. Ich
werde daher beyde schonen müßen. Die Erfahrung muß mich klug machen;
wünschen Sie mir doch das gelehrige und aufmerksame Gemüth, mein lieber
Vater, das man in dieser Schule nöthig hat, wenn man in derselben etwas
lernen will. Wir wurden bey unsern liebenswürdigen Wirth vor und nach der
Kirche mit einem Stutzerchen nach Kurländischem Gebrauch bewillkommt,
den ich in Gedanken mit machte. Unsere Mahlzeit war weder prächtig noch
überflüßig, aber desto schmackhafter und ungezwungen. Wir hörten den Mag.
Tätsch von der Großmuth eines Christen predigen. Er ist ein wortreicher
Mann, der auf der Kanzel ziemlich großthut, und weder sehr angenehm noch
erbaulich zu hören ist. Ich habe unterwegens erfahren, warum er unter andern
sagte, daß der Weg nach dem Himmel nicht mit Wirthshäusern besetzt wäre.
In Kurland fehlt es eher an Kirchen als an Krügen. Der Herr Gehrke gieng
dem Herrn Mag. Tätsch seine Aufwartung zu machen; mein Wirth, der Herr
Wintziger, ist war ein grober Windbeutel, der sich auf die Ehre bey dem
Herrn D. Bohlius Collegia gehört zu haben, und ein Chirurgus zu seyn so
viel einbildete, daß ich ihm den Abend vorher den Badern zum besten einige
Pillen geben und einige Grobheiten für lieb nehmen muste. Seine Gast Stube
war voller, als eine rußische Badstube. Kurz ich nahm mir vor den vergnügten
Tag, den ich gehabt hatte, mit einem vergnügten Abend zu beschlüßen. Ich
wählte ein Wirthshaus, das richt über meine Herberge zum Glück stand, v
wollte meine Einsamkeit mit einer beßeren Gesellschaft vertauschen. Madame
Grundin sollte meine Wirthin seyn. Ich gieng gerade darauf zu, v frug nach
Wein. Man zeigte mir ein Zimmer, in das ich mit einer kleinen Bestürzung
tratt, weil ich keine Gesellschaft fand, die ich mir in einem öffentlichen Hause
vermuthete. Ein Frauenzimmer saß dafür mit einem gestützten Arm am Tisch,
das die Tochter im Hause war und laß eine Wochenschrift: der
Menschenfreund, genannt. Ich war mit der Wahl zufrieden, die ich wieder die lange
Weile angestellt hatte, und mit der sie sich die Zeit vertrieb. Der Herr
Mietau heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O]











Liebau heute Liepāja in Lettland [56° 31′ N, 21° 1′ O]








Baronin v. Budberg

Albertusthrl. 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt.









Stutzerchen vll. ein Glas Schnaps
























Provenienz:
Unvollständig überliefert. Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (3).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 31.
ZH I 14–15, Nr. 6.