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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 5. Januar 1755
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ZH I, 87




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Grünhof den 5 Jenner 1755.

GeEhrtester Freund,

Ich habe wegen ausgebliebener Gelegenheit nach der Stadt zum Glück noch
Zeit Ihnen auch zu schreiben. Schon ein paar Posttage her hab ich es gewünscht
ohne dazu kommen zu können. Ihren angenehmen Brief habe eben von meiner
Rückkunft aus Riga in Mietau erhalten. Ihre Freunde freuen Sich alle darauf
Sie bald zu sehen; v ich sollte nicht denken, daß Ihnen unüberwindliche
Hinderniße darinn in den Weg gelegt werden könnten. HE. Berens wird Ihnen
vermuthl. schon geschrieben haben; seine Beßerung wird ihn schon so weit
gebracht haben, daß er dieses ohne Kopfschmerzen wird thun können. Diese waren
es, worüber er sich am meisten beklagte. Erlauben Sie mir unterdeßen, daß
ich dasjenige, was ich theils durch ihn theils durch andere gehört, in der
Geschwindigkeit auf allen Fall zusammen nehme. 1.) Sie dienen sich selbst nicht,
wenn und legen sich chimärische Verbindlichkeiten gegen Leute auf, denen
Sie nichts zu danken haben, wenn Sie Ihren Ruff als ein Werk der
Barmherzigkeit ansehen v denselben durch unrechte Gönner sich günstiger zu machen
suchen. Der Magistrat; v besonders der Bürgermstr. v. Scholiarch sind die
Hauptpersonen, deren Beystand Freundschaft v Nachdruck Sie bey Ihrem
künftigen Amte nicht entbehren können. Der Ob. Pastor ist ein Mann, der
ohne Ansehen v dem Sie auch als einem Freunde nicht trauen können, der
Ihnen aber jetzt als Feind nicht schaden kann. Er ist aufgebracht, daß man
seine Stimme in ihrer Wahl gänzl. vorbeygegangen v giebt Ihnen Jugend,
Freygeisterey v den die Auseinandersetzung ihres Schwagers schuld. Ich
würde Ihnen dies nicht so dreist sagen, wenn ich glaubte, daß seine Urtheile
Ihnen bey vernünfftigen Leuten nachtheilig v ihnen selbst empfindlich seyn
könnten. Der HE. v. C. hat sich mit vielem Eifer Ihrer angenommen der
Ihnen Sie mehr hätte verdächtig als beliebt machen können. Die Stadt
sieht ihn als den gefährlichsten Mann für sich an; man fürchtet seinen Einfluß
in allen Händeln v sieht selbige immer als Absichten an, Eingrieffe zu thun,
ja selbst zu schaden. Urtheilen Sie selbst wie man bey einer solchen Eifersucht
v. nöthigen Behutsamkeit gegen ihn, diejenige Vorschläge, die ihm am meisten
scheinen am Herzen zu liegen aufnimmt. Ich bin bloß aus dieser Absicht bey
sm. Hofmstr. einem weitläufftigen Vetter des Gellerts, HE. Richter, gewesen
um daselbst vielleicht etwas zu erfahren, aber nichts mehr als die grösten
Lobsprüche ss Gnädigen HE durch ihn gehört.
2.) Sie haben viel Freunde in Riga, die sich alles von Ihnen versprechen v
Ihnen zutrauen die Stadtschule in Aufnahme zu bringen. Für allem werden
Sie einen geraden Weg daselbst zu gehen nöthig haben v sich besonders gegen
Ihre Amtsbrüder in eine gute Stellung setzen müßen, deren Umgang v.
Vertraulichkeit Sie vermeiden v Ihren ersten Versuchen Sie einzuschrecken oder
sich Ihrer zu bemächtigen, besonders mit Nachdruck wiederstehen müßen. Bey
meinem jetzigen Aufenthalte war ein großer Streit zwischen dem Cantor v.
Subrector gewesen, die sich für Sch.. v. Hundsv… geschimpft hatten in
Gegenwart der Schüler also zum Ärgernis der ganzen Stadt. Urtheilen Sie
wie nöthig es seyn wird sich gegen solche Leute zu setzen v sie so wohl als die
Schüler in Gränzen zu halten. Wie ungl. hier der Umgang vom
Königsbergschen ist, werden Sie bald sehen. Man ist kaltsinniger, ungezwungener
v gleichgiltiger. Man sucht sich weniger zu unterscheiden v zu gefallen.
3.) Unser Freund hatte den Einfall wenn Sie dadurch ihren Paß erhalten
könnten, daß Sie versprächen diejenige, die aus Ihrer Schule künfftigen gehen
würden, nach Königsberg v d. hohen Schule ssr Länder zu recommendiren.
Dergl. Cameralvorstellungen pflegen dort sehr ins Auge zu fallen.
4.) Zu dem Griechischen v. ebräischen v ihrer Theologie werden Sie nöthig
haben noch einige Zeit zu wenden. Man hat in der ersten Sprache hier
profan-Scribenten. Machen Sie sich nicht zu gar zu vielem anheischig v vermehren
Sie die Stunden nicht ohne Noth sich damit selbst zu überhäufen. Ich glaube
daß es am meisten auf eine andere Einrichtung überhaupt v. auf einen ordentl.
Fleiß derjenigen, die unter ihnen sind, ankommen wird. Das letzte wird Ihnen
am meisten kosten.
Die Treulosigkeit des Prof. Flottwell ist vielleicht eine bloße Wirkung des
Neides. Ich warte mit Schmerzen, was Sie mir für besondere Umstände
davon zu melden versprechen. Müßigen Sie sich doch eine kleine halbe Stunde
des Abends ab so oft als mögl. an mir schreiben zu können. Nehmen Sie mir
meine Freyheit nicht übel in Ansehung meiner Gedanken die ich aufgesetzt
habe. Die Kürze hat sie vielleicht ein wenig plump v. geradezu gemacht.
Theilen Sie solche niemanden mit; vergleichen Sie selbige mit anderer
Nachrichten um sie desto richtiger zu beurtheilen. Denken Sie an HE. B. nichts daran
noch an Rigische Namen auf eine zweydeutige Art. Die Post in Liefland ist
neugierig v. argwöhnisch in Curland desto sicherer auch nicht so kostbar.
Schreiben Sie nach Riga fleißig; so oft wie Sie können an ihren Freund durch
Couv. es Kaufmanns. Er sieht den Titel eines Candidaten nicht gar zu gern.
Joh. Christoph. heist er; die addresse unweit der Reformirten Kirche.
Wiewohl in Ansehung der Aufschrift können Sie es auch beym alten laßen.
Fordern Sie von mir, Liebster v GeEhrtester Freund, daß ich diese
umgewandte Seite zu einem Catalogo von Gütern machen soll, die ich Ihnen
zum Neuen Jahre wünsche? Sie werden von meinen Gesinnungen gegen Sie
v. von meinem Eifer gegen alles dasjenige, was Sie angeht, überführt seyn,
ohne daß ich damit pralen darf. Gott helfe Sie zuförderst glücklich aus der
gegenwärtigen Verwirrung, in der Sie jetzt ohne Zweifel leben, er laße es
weder Ihren Absichten noch Anschlägen fehlen, er laße es Ihnen an Feinden
nicht fehlen, die Ihre Verdienste v Vorzüge, Ihre Einsichten und Tugenden
der Welt brauchbarer,und schätzbarer und augenscheinlicher machen; noch
weniger an wahren Freunden, an großen Freunden, deren Herz und Hände
wohlthätig und unerschöpflich sind. Die Küße, die Zärtlichkeit, die
Umarmungen ihrer liebenswürdigen Marianne versiegeln Ihr Glück! Sie sey die
Morgen v. Abendröthe Ihrer Tage! Wie freue ich mich über Ihre gegenseitige und
künfftige Zufriedenheit! Wie sehr hängt meine eigene davon ab! Lebt
glücklich, lebt ewig glücklich und vergest nicht, daß ich es euch, liebes Paar, mehr
als mir selbst gönne.
Nun laßen Sie mir noch ein paar Worte von mir selbst reden. Ich seufze
über mein Schicksal, das mir vielleicht günstiger ist als ich es verdiene;
unterdeßen ich seufze. Vielleicht thue ich mir selbst zu viel, wenn ich ich sage; weil
ich mich weniger als sonst fühle. Mein Hennings fällt mir jetzt öfters ein v.
seine Klagen werden mir jetzt durch die Erfahrung wahrscheinlicher. Der
Mangel an Umgange, durch den Witz v. Herz verrostet, ein Ehrgeitz, dem es
an Kräften fehlt, .. kurz ich kann selbst nicht aus mir klug werden. Ich
verlaße mich auf Ihre Vorsorge v hoffe auf das späteste daß Sie mir einen
Nachfolger mitbringen werden. Man hat mich auf das dringendste gebeten mich
so lange wenigstens aufzuhalten; v ich habe mein Wort auf 3 biß 4 Wochen
über meine Zeit gegeben. Meinen vorigen Zügling habe in Riga gleichfalls mit
vieler Rührung gesprochen. Wie lieb ist er mir noch. Nichts als eine andere
Mutter v ich würde aus Neigung mir alles gefallen ihn zu erziehen. Er hat
gar keinen Hofmeister jetzt; man hat Gellert durch sn. erstgedachten Vetter
aufgetragen, der auch schon wirkl. jemanden gehabt. Die Antwort ist zu lange
außen geblieben. Ich habe seine Briefe darüber alle mit vielem Vergnügen
gelesen. Wie kurz, wie zur Sache, wie redlich pp wie empfindlich ist er in dem
letzten!
Ich werde einige Zeit nöthig haben mich zu erholen. Vielleicht werden Sie
mir dazu die beste Gelegenheit verschaffen. Wenn Sie als mein alter Freund
hieher kommen so werden Sie mir eine kleine Zuflucht in Ihrem Hause nicht
abschlagen. Doch sorgen Sie nur erst für Ihren Abschied und Ihre Ankunft.
Berens hat ohnedem Absichten gern etwas in Riga durch uns gedruckt zu
sehen. Wie steht es mit Ihrem Journal. Ist meine kleine Streitschrift
eingekommen. Sie haben an nichts gedacht. Antworten Sie mir den ersten Abend,
bey Ihrem Pfeifchen, umarmen Sie Ihre Liebste Freundin in meinem
Namen. Ich habe Mühe diesen Brief zu Ende zu bringen v wollte v könnte noch
vieles schreiben. Bald mehr; v denn zugl. an meinen Sahme v Hennings die
Sie im voraus herzl. von mir grüßen können.
In Ansehung des oriental. thuen Sie doch für mich bey meinem Vater
einen Vorspruch; daß das Original mir mit erster Post zurückgeschickt v die
Übersetzung der Copie in Holland auf das eiligste besorgt wird. Auch die
Ohrgehänge für die Fr. Gräfin. Mit wie viel Kleinigkeiten belästige ich Sie. Ich
weiß daß Sie zu gut dazu sind mir etwas übel zu nehmen. Noch eins! Mein
lieber Vater hat einen Auszug meiner Antwort verlangt; ich habe mich
anders darüber erklärt daß keiner nöthig ist. Im Fall kann mein Bruder sie
abschreiben, die in ( ) eingeschloßene Erklärung ist aber nur für meinen Vater
v für niemanden anders. Was machen meine Freunde? Wolson wird Ihnen
gewiß einmal als Collega folgen können. Grüßen Sie alle von mir viel v
herzlich. Ich umarme Sie mit den Gesinnungen der aufrichtigsten
Freundschafft v ersterbe der Ihrige
Hamann.




Brief nicht überliefert

Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)









Ruff an die Rigaer Domschule


Bürgermstr.
Gotthard v. Vegesack
, Bürgermeister von Riga; als Rektor der Stadtschule wird Lindner Angestellter der deutschen Stadtregierung, nicht der russischen Gouvernementsregierung.
Scholiarch
Immanuel Justus v. Essen
: der für Schulfragen zuständige Ratsherr









HE. v. C.
Johann Christoph v. Campenhausen
, der als Vertreter der livländischen Ritterschaft in Konkurrenz zur Stadtregierung stand.


Als livländischer Regierungsrat hatte Campenhausen Einfluss auf die Ämterbesetzung in Riga.





















Paß den preußischen











Cölestin Flottwell
, vll. hatte er ein negatives Gutachten ausgestellt. Die Feindseligkeit zwischen Lindner und Flottwell in dieser Zeit (innerhalb der Königl. deutschen Gesellschaft) hatte auch zu tun mit der Publikation von
Lindner, Anweisung zur guten Schreibart
. Flottwell lehnte dies Werk als treuer Gottschedianer ab als unliebsame Konkurrenz von intellektuellen Anfängern. Möglicherweise hatte er schon 1752 gegen Lindners Bewerbung (mit der Diss.
Lindner, Vénus métaphysique
) auf eine Professur an der Königsberger Universität intrigiert.








Post in Liefland Da Riga zu Russland gehörte, galten dort auch die russ. Postverhältnisse, d.h. auswärtige Briefe wurden üblicherweise geöffnet und geprüft. Da das Gut Grünhof der v. Witten in Kurland (Zaļā [Zaļenieku] muiža, 70 km südwestlich von Riga, 20 km südwestlich von Jelgava/Mitau, Lettland [56° 31' N, 23° 30' O]) lag, konnte H. von dort aus unbefangener schreiben, wenn gesichert werden konnte, dass die Post auf anderem Wege als über Riga abgewickelt wurde. Vgl. Graubner (2002b).




Joh. Christoph. Berens


























Nachfolger als Hofmeister, vll.
Gottlob Immanuel Lindner


Zügling Zögling,
Woldemar Dietrich v. Budberg


Mutter siehe bes. Brief 18 u. 19











Journal ... Streitschrift nicht ermittelt






oriental. Manuskript von
George Bassa





Auszug meiner Antwort nicht ermittelt








Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (6).

Bisherige Drucke:
ZH I 87–91, Nr. 35.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
90/23 gefallen ihn
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies gefallen [lassen] ihn  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): gefallen [laßen] ihn