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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
vmtl. August 1759
ZH I, 400


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Vergib mir, mein lieber Bruder, meine List, und laß mich nicht länger als
eine blinde Kuh Dir nachlaufen. Es ist Zeit umzukehren mit dem verlohrnen
Sohn, sein Elend zu erkennen. Gib mir, mein Sohn! Dein Herz und laß
Meine Wege Deinen Augen wohlgefallen. Soll Gott Dir Selbst vom Himmel
reden; kann Er eine nähere Stimme dazu brauchen, und eine natürlichere
Sprache, als wenn er seinen Ruf durch den einigen Bruder, den Er Dir auf
der Welt gegeben, Dir hören läst. Verstock Dein Herz nicht länger dagegen.
Dein gestriger Brief hat mich sehr gerührt. Was für eine kindische
Begeisterung über dasjenige, was Du nach der Einfalt Deines Herzens für mein
Glück ansiehst; unterdeßen Du so sorglos für Dein eigenes dahin lebst. Der
Vater, der Freund, das Haus – und die Braut, die ich Dir auf Deinen Wunsch
in diesem Briefe zuführe: ist Dein Gott und Dein Mann, Bein von Deinem
Bein und Fleisch von Deinem Fleische, in deßen Tod Du begraben worden,
mit dem Du wieder auferstanden, und deßen Leib und Blut Du so oft geeßen
und getrunken. Wache auf, der Du schläfst und stehe auf von den Todten:
so wird Dich Christus erleuchten. Sey ein lebendes Glied an Seinem Leibe
und erkenne ihn für Dein Haupt. Laß Deinen Willen dem Seinigen
unterworfen seyn. Lauf nicht zu Menschen, wenn sie auch Hohepriester wie Eli
wären; es ist Gottes Stimme. Höre; was Er redet. Der rollende Donner, der
lispelnde Bach, und die kühle Abendluft im Garten; sind Zungen seiner
Eigenschaften. Was sind alle Sonnen und Erden mit ihrer Harmonie; und
die Sprache der Morgensterne unter Engeln und Menschen. Ein tönend Erz –
gegen die Liebe, die aus dem Blute Seines Sohnes, Unsers Bruders, des
Lammes, das von Anfang der Welt für Uns geschlachtet worden, redet. Laß
Sein Blut, daßs für Dich vergoßen, und der Saame Seines Göttlichen
Wortes, nicht länger auf die Erde fallen; sondern fange es mit durstiger
Seele, mit zerknirschten und gläubigen Herzen auf. Ich bin des Schwertes
müde, das mir Gott in die Hände gegeben; wozu muß ich mich in einen
grausamen gegen Dich verwandeln? Laß Dir Jesum für Augen gemahlt seyn, als
für Deine Sünden zum Fluch am Kreutz gemacht; Laß die Bibel Dein täglich
Brodt seyn, nimm hin und iß es, als wenn es zu Deinem Unterricht allein
vom Himmel gefallen wäre. Suche nicht Gott mit langen Gebeten,
andächtigen Uebungen, Kasteyungen und guten Werken zu versöhnen. Er ist schon
versöhnt – nicht heute – von Ewigkeit her – und es ist alles für Dich bereitet
in diesem und in jenem Leben. Genüß es mit Empfindung Deiner
Unwürdigkeit und mit Dank gegen Den, der es Dir erworben, und bitte Gott, daß Er
Seine Liebe durch Seinen guten Geist reichlich ausgüßen wolle. Dann wird
Dir im Gesicht Deiner Feinde ein Tisch bereitet werden, und Dein Becher wird
überlaufen. Anstatt Dornen und Disteln wird Dein Acker Feigen und
Trauben tragen. Es wird Dir weder des Morgens an Früh- noch des Abends an
Spatregen fehlen. Und wenn gleich der Feigenbaum nicht grünen wird, und
kein Gewächs seyn wird an den Weinstöcken wenn gl. die Arbeit an Oelbaum
fehlt, und die Acker keine Nahrung bringen, und die Schaafe aus den Hürden
gerißen werden, und keine Rinder in den Ställen sind: so wirst Du Dich
doch des Herren freuen können und fröhlich seyn in Gott, unserm Heyl.
Denn Der Herr ist meine Kraft und wird meine Füße machen wie Hirschfüße, und
wird mich in die Höhe führen, daß ich singe auf meinem Seytenspiel. Habacuc.
Deine Zeit wird Dir zugemeßen werden; jede Stunde wird die Länge haben,
die zu ihrem Werk nöthig ist. Ein neues Leben in Dir – und außer Dir. Selbst
eine Neue Creatur: wird die ganze Schöpfung um Dich herum Neu werden.
Du wirst Dich Deines Berufs freuen – Engel werden Dich auf den Wegen
deßelben auf ihren Händen tragen, daß Du Deinen Fuß an keinen Stein
stoßest. Alles wird Dir zum besten dienen müßen; alle die Fehler und
Irrgänge, worüber Dir jetzt die Augen aufgehen werden, und die Dir als Strafen
Deiner Thorheit und Unglaubens schrecklich dünken – sind im Grunde nichts
als Entwürfe Göttlicher Weisheit und Güte, die Du ohne Dein Wißen
erfüllt. Bleibe nur bey Gottes Wort, und übe Dich darinn, beharre in Deinem
Beruf, und nähre Dich redlich, und verlaß Dich auf den Herren von ganzem
Herzen. Er wirds wohl machen und Dich nicht verlaßen noch versäumen. Er
will weder Dich noch Menschen zu Baumeister Deines Glückes haben. Er hat
Himmel und Erde und ihre Heere für Dich bereitet.
Der stumme Geist wird ausfahren, und dein Mund wird voll Lachens und
Rühmens seyn. Liebe, Aufrichtigkeit, Vertrauen gegen Deine Nächsten;
davon wird Dein Mund überflüßen, aus der Fülle und dem reichen Schatz
Deines Herzens, das nicht mehr einem Kieselstein ähnlich seyn wird, der
Sand zum überstreuen giebt, mit dem sich aber nicht schreiben läßet.
Entschlage Dich aller Deiner Nebenarbeiten. Schul- und theologische
Studia laß Dein Haupt Augenmerk seyn und bitte Gott, daß er Dir alle
Lüste des alten Menschen überwinden hilft. Vergiß Deine Pflichten nicht
gegen Deinen Wirth; ich habe gedacht Dich durch ihn Gott anzuwerben. Laß
Dein Licht leuchten, wirf den Scheffel des Eigennutzes und das Bett der
stoltzen Ruhe um – und laß es leuchten vor den Leuten in Deinem Hause –
vor den Lämmern Deiner Weide, daß der Name Deines himmlischen Vaters
auch durch Dich und an Dir gepriesen und geheiligt werden möge. Nicht uns,
Herr! Nicht uns; sondern Deinem Namen gieb Ehre. Amen!


Gib mir ... Spr 23,26




Verstock ... Hebr 4,7 u.ö.

Brief nicht überliefert





begraben ... auferstanden Kol 2,12

Leib ... Blut 1 Kor 10,16

Wache auf ... Eph 5,14

Glied ... Leibe Eph 5,30


Lauf nicht 1 Sam 3,5

Donner Hi 37,5, Offb 14,2, Joh 12,29 u.ö.



Morgensterne Hi 38,7
tönend Erz 1 Kor 13,1

Blute ... Lammes ... Anfang 1 Petr 1,19f.


Blut Offb 1,5
Saame Lk 8,11




für Augen ... Gal 3,1

Fluch am Kreutz Gal 3,13

Brodt ... vom Himmel Joh 6,31ff., 47ff. u.ö.
nimm hin Mt 26,26 u.ö.



versöhnt Röm 5,10, 2 Kor 5,18ff. u.ö.
bereitet 2 Kor 5,5


Unwürdigkeit 1 Kor 6,2
Dir erworben ... ausgüßen Röm 5,1ff., Tit 3,5f.





wenn gleich ... Seytenspiel Hab 3,17ff.



















Baumeister 1 Kor 3,10


dein Mund Ps 126,2
stumme Geist Mk 9,25

Aufrichtigkeit 2 Kor 1,12
Vertrauen Hebr 3,6
Liebe Mt 5,43


Kieselstein Spr 20,17

überstreuen Spr 15,7



Lüste des alten Menschen Eph 4,22, Kol 3,9







Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (bei 69).

Bisherige Drucke:
ZH I 400–402, Nr. 158.