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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
1758
ZH I, 267


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I.Brief

Mein Herr,

Wenn mir Ihr Briefwechsel mehr zur Last als zum Zeitvertreib gereichen
sollte; so geschieht dies wieder Ihre Absicht und ohne Ihre Schuld. Sie
nehmen beynahe alle Unkosten der Erfindung auf Sich, und ich habe nur
nöthig Ihre eigene Briefe zu plündern um auf selbige zu antworten. Um mir
die Mühe zu ersparen lange nachzusinnen, worüber und wovon ich an Sie
schreiben könnte, legen Sie mir selbst eine Frage in den Mund und hierauf
thun Sie mir einen Vorschuß von Gedanken, welche mir dienen können
selbige aufzulösen, daß ich also nicht einmal weit zu suchen brauche, was
sich über Ihre Aufgabe ohngefehr sagen ließe.
Sie laßen mir die Freyheit so oft und selten, als ich Lust haben werde, und
so lang oder kurz zu schreiben, als ich im stande bin zusammenzubringen.
Ich wi soll mich dafür eben so wenig daran kehren, wie geschwind oder
langsam Ihre Briefe einlaufen, und werde es sehr gut und ohne Eyfersucht
aufnehmen, daß Ihre Feder geschwäziger und geläufiger als meine ist.
Erlauben Sie mir Sie noch Mein Herr Sie an Ihre eigene Erklärung
zu erinnern. Sie verlangen keine guten Briefe von mir; je schlechter, je
mittelmäßiger sie sind, desto mehr Hofnung haben Sie mir gegeben, beßere
mit der Zeit schreiben zu lernen. Ich will mir also die lächerliche und schädliche
Eitelkeit nicht in den Sinn kommen laßen gelehrte, witzige und schöne Briefe
zu schmieden. Warum sollte ich mich schämen, natürlich, einfältig, schlecht
und recht zu schreiben, wenn dies das einzige Mittel und der geradeste Weg
ist sich eine gute Schreibart zu erwerben? Ist es Ihnen nicht eben so gegangen,
und geht es Ihnen nicht noch bisweilen so? Ja vielleicht sind einige Ihrer
Briefe und die Schreibart derselben wirklich nicht so gut, als selbige von
andern aufgenommen werden. Ich weiß, Sie scheuen sich nicht nach Ihren
eigenen Worten und Urtheilen gerichtet zu werden.
Was ist der Beruf eines kurländischen Edelmanns? Diese Aufgabe kam
mir anfangs etwas seltsam für. Ich war ungewiß, ob ich Sie in Ernst oder
Scherz verstehen sollte. Ihnen Selbst kann es sehr gleichgiltig seyn, zu was
für einen Rang vernünfftiger Geschöpfe ein kurländischer Edelmann gehört,
und worinn die Pflichten bestehen, die er seinem Stande und Vaterlande
schuldig ist. Es kann mir daher ebenfalls gleich viel seyn, ob Sie bey Ihrem
Einfall die Nase gerümpft oder die Stirne gerunzelt haben. In Ansehung
meiner hingegen kommt es mir jetzt anständiger und erheblicher vor, Sie für
die Wahl dieser Materie zu danken, solche einer Untersuchung zu würdigen
und mir Ihre Handreichung darinn gefallen zu laßen.
Ich glaube, daß wir schon das Wort Cavalier oft genung in unsern
Windeln hören, in wie weit es hilfft ihre Farbe zu erhalten und zu schonen, mögen
unsere Ammen wißen. Diejenigen, die es uns am meisten einprägen, sind
mehrentheils desto zurückhaltender uns zu erklären, was ein Cavalier ist, ob
er mehr oder weniger Vernunft, beßere Sitten oder schlechtere als ein anderer
Mensch besitzen muß. Wir junge Herren haben also Grund zu denken, daß
zum Cavalier nichts mehr gehört, als zu wißen und zu glauben, daß man
einer ist. Das läuft aber auf denjenigen Aberglauben aus, da man mit
gewißen Wörtern, die weder Sinn noch Verstand haben, Zaubereyen und
Wunderkuren zu treiben meynt. Durch das Wort v. den Namen Cavalier kann der
Geist deßelben so wenig mitgetheilt werden, als jenem kayserlichen Leibpferde
mit dem Titul und den Ehrenzeichen die Seele eines Römischen Consuls.
Um offenherzig gegen Sie zu seyn, ich habe mich wenig darum bekümmert
oder darüber nachgedacht, was eigentlich zu einem Cavalier gehöre, und
worinn der Begriff, die Natur und das Verdienst des Adels bestehe, worauf
unsere Zunge pocht. Ich bin durch das Gefühl und Geständnis dieser meiner
Unwißenheit gedemüthigt, aber ich fürchte mich zugleich selbige durch eine
vernünfftige Untersuchung gehoben zu sehen. Vielleicht gehören
Eigenschafften, Verbindlichkeiten, Vorzüge zu dem Stande eines wahren
Edelmannes – – daß ich es für einen Verweiß ansehen müste, was ich sonst für
eine Schmeicheley ansehe, an meine adliche Würde erinnert zu werden. Eine
Vorstellung, die mir ehmals Dünste und Wind in den Kopf setzte, wird mir
jetzt Bescheidenheit predigen. Ich werde lernen müßen roth zu werden, mich
zu schämen und an mich zu halten entschuldigen, bey Schwachheiten, deren
Wiederschall ich sonst mit einem ehrerbietigen Zeichen beantwortete. Gesetzt
aber, ich käme auf Wahrheiten, die meiner Eitelkeit wehe thäten; soll ich
durch selbige beleidigt scheinen? Dies wäre ebenso einfältig, als wenn ein
Ritter die Schläge, welche mit Empfang eines Ordens verknüpft sind, für
Beschimpfungen ansehen sollte.
Sie machen es wie ein guter Wirth, der sich nicht die Mühe verdrüßen läßt,
auch dasjenige vorzuschneiden, was er seinem Gast auftragen läßt. Ich bin
recht sehr damit zufrieden, daß Sie mir alles so beqvem und leicht als möglich
machen; und will mir Ihre Handgriffe merken, wie man Gedanken und Sätze
zergliedern soll.
Nehmen Sie mit dieser Einleitung in meine folgenden Briefe fürlieb. Der
nächste soll die erste Frage beantworten, die in Ihrer Aufgabe enthalten ist.
Ehe ich vom Beruff eines Edelmannes überhaupt und eines kurländischen
insbesondere etwas sagen will, muß ich vorher ein wenig untersuchen, was
man unter einen Beruff versteht, und was in dieser Stelle darunter verstanden
wird. Ich fürchte mich schon für die philosophischen Gesichter, die ich über
diese Materie schneiden werde. Ungeachtet der Verzuckungen, denen mich
dieser erste Versuch aussetzen möchte, werden Sie nicht aufhören mich zu
erkennen für Dero gehorsamen Diener.
Musterbrief, wie Peter Christoph v. Witten ihm, H., antworten könnte.
















































Leibpferde
Sueton
Cal. 55,3

































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 32.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, VIIIa 9–13.
ZH I 267–269, Nr. 125.