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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Riga, 8. Oktober 1758
ZH I, 264




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Riga den 8. Octobr. 1758.

Herzlich Geliebtester Vater,

Ich wünsche und hoffe, daß Sie sich gesund und zufrieden befinden. Gott
erhalte oder schenke Ihnen beydes nach Seinem Gnädigen Willen. Diese
ganze Woche bin beynahe bettlägerig gewesen an einem Flußfieber, das mit
hypochondrischen Zufällen, Wallungen und Verstopfungen verknüpft
gewesen. Ich bin heute Gott Lob! den ganzen Tag auf und sehr munter gewesen.
Vorigen Sonntag erhielt Dero Briefe vom 26. pass. und den Montag darauf
durch Einschluß einen einzigen von Ihrer Liebwerthen Hand vom 23sten ej.
Ich weiß nicht bey wem er eingelegen hat, aus der Unordnung der Abgabe
achte es nicht rathsam künfftig Ihre Briefe ebendemselben Couvert ferner
anzuvertrauen.
Herr Rector Lindner ließ mir heute durch ein Billet ersuchen Sie zu bitten,
dem Stud. Borchert in dem Hause des Herrn Fishers an der Kittelbrücke
melden zu laßen, daß er sein nöthiges Geld biß nach Riga zu reisen bey dem
HErrn Commercien-Rath Jacobi heben, das übrige hier zu seiner weiteren
Expedition erhalten kann.
Mein Bruder wird mit Gottes Hülfe jetzt schon unter wegens seyn. Sie
beten, Herzlichgeliebtester Vater, für ihn, und ich auch. Im Namen
desjenigen, der uns geliebt hat, ehe der Welt Grund gelegt war, und sein Wort
beym Abschiede von sich gab, bey uns zu seyn biß an das Ende derselben,
wird uns alles gewährt und über unser Bitten und Gebeth, überschwenglich
mehr zugestanden.
Der Segen eines redlichen Vaters wolle ihn begleiten! Das Wort des
Herren über den Saamen des Gerechten wahr zu machen, sey das Geschäffte
unserer SchutzEngel, jener Dienstbaren Geister, die Feuer und Flammen in
ihrem Beruff sind, und wenn sie es nicht wären, Gott dazu macht, weil Er
sie aussendet zum Dienst derer, die Erben seines Himmels und seiner
Seeligkeit seyn sollen.
Ich sehne mich recht meinen Bruder bald zu umarmen. Weil ich jetzt einige
Arbeiten unter Händen habe, so will ich selbige gegen die Zeit seiner Ankunft
aufzuräumen suchen, damit ich das Vergnügen darüber mit desto mehr
Geschmack und Muße genüßen kann. Er wird bey den Herrn Rector logiren,
das einzige Haus, das ich hier sehe. Die Liebe meiner Freunde ist mir ein so
süßer und reicher Seegen, daß ich keine mehrere Bekanntschafften verlange,
geschweige suche. Mein lieber Christoph Berens aus Petersburg fehlt uns
noch – – Gott wolle ihn gleichfalls bald in unsere Arme werfen.
Herr Pastor Blank, an den Gelegenheit genommen zu schreiben, läßt Sie
herzlich grüßen. Er ist verheyrathet, und scheint seine Nahrungs Sorgen
gehäuft zu haben, an statt sich die Last derselben zu erleichtern. Sein Brief
kommt mir gleichwol vor in einem eben so gutherzigen als vergnügten Ton
geschrieben zu seyn.
Gott seegne und erhalte Sie, Herzlich Geliebtester Vater – – Ist es deßen
Wille, so sehen wir uns noch. In Ihrer jetzigen Einsamkeit werden Sie die
Gnade seiner Gemeinschafft, seiner vertraulichen Gegenwart, und den Seegen
seiner Einwohnung mehr als jemals schmecken und erfahren können. Wie
entbehrlich, wie überlästig ist uns die Welt, selbst dasjenige, was sonst unser
Schoos Kind in derselben gewesen, wenn dieser hohe Gast einen Blick der
Zufriedenheit mit unserer Bewirthung, so kümmerlich sie auch ist, uns sehen
läßt. Ich küße Ihnen mit kindlichster Ehrerbietung die Hände und ersterbe
Ihr gehorsamst verpflichtester Sohn.
JGH.


Falls Mad. Belger noch bey Ihnen seyn sollte wieder mein Vermuthen,
ertragen Sie selbige so lange Sie können. Sie hat es an mir gethan. Falls sie
ihnen aber zu größerer Last gereichen sollte, als Ihre Gesundheit und Ruhe
es leyden, sagen Sie es ihr lieber mit runden Worten, als verdeckt und durch
Minen. Leben Sie wohl.
Bitte Einlage bald und bestmöglichst zu bestellen.




Flußfieber »Febris catarrhalis, ein nachlaßendes Fieber, welches sich mit Flüssen auf der Brust vereinigt. Man macht einen Unterschied unter ein gutartigen [Catarrh] und bösartigem Flußfieber.« Oeconomische Encyclopädie oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, 14. Tl. (Berlin 1778), S. 420



Briefe nicht überliefert






Fisher nicht ermittelt
Kittelbrücke in Kneiphof, Königsberg
Stud. Borchert Student aus Königsberg, Brief Nr. 131 (ZH I 283/3)






geliebt ... ehe ... Joh 17,24

... Ende Mt 28,20




... Gerechten Spr 11,21

... Feuer 2 Mo 3,2


... Erben ... Hebr 1,14












Brief nicht überliefert














Frau von
Philipp Belger
aus Riga





Einlage nicht überliefert

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (47).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 313–314.
ZH I 264–266, Nr. 123.